135 Selbermachen

Ausgleich für mangelnde manuelle Tätigkeit, Flucht vor entfremdeter Wertschöpfung, Streben nach Autarkie, Individualität und nach Lebensmitteln, die ökologisch unbedenklich, gesund, direkt von um die Ecke und selbstgemacht sind, die Sehnsucht nach der guten alten Zeit als Reaktion auf die als „seelenlos“ empfundenen Produkte des Maschinenzeitalters – als Beispiel seien Do-it-yourself-Ratgeber genannt, die beschreiben, wie man Einrichtungsgegenstände so aussehen lassen kann, als hätte man sie nicht irgendwo gekauft oder wie man seine Marken-Turnschuhe so modden kann, dass sie nicht mehr wie Nike, Addidas oder Converse aussehen –, dies alles mögen denkbare Motive sein für das „Selbermachen“. Oder es ist doch so wie Tsia Carson sagt: „We make things for two reasons: pleasure and because we can.“
Doch sei es, wie es wolle: Sollte in Ihrem Ballungsraum – geschätzte Hörerschaft – dereinst die Grundversorgung zusammenbrechen, also quasi das Ende der urbanen Zivilisation drohen, sind es die Kerzengießer, die Urban Shroomer, die Tretgeneratoren-Bastler, welche überleben werden.

134 ADGB

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer: wir begrüßen Sie zu einer neuen Folge 17grad – Radio zur Begleitung gesellschaftlicher Umverteilungsprozesse.
Dieser Tage jährt sich die Erstürmung der Gewerkschaftshäuser durch die Nationalsozialisten zum 80. Mal. Während die Mehrheit der Häuser am 2. Mai 1933 okkupiert wurden, traten die Nazis in München bereits am 9. März auf den Plan. Der Vorsitzende des DGB Bayern, Matthias Jena, beschrieb auf einer Gedenkveranstaltung die Vorkommnisse: „Die SA-Truppen verwüsteten Büroräume, klauten Wertgegenstände und leerten die Kassen. Sie plünderten die Bestände der Bibliothek mit annähernd 60.000 Büchern. Auf dem Dach hissten sie die Hakenkreuzfahne.“
Auf der gleichen Veranstaltung erläuterte der Historiker Ralf Hoffrogge von der Universität Potsdam die politischen und ideologischen Versäumnisse der Gewerkschaftsbewegung, die zu der quasi widerstandslosen Aufgabe der Häuser und letztlich auch zur politischen Kapitulation führten. In dieser Sendung wollen wir Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, den Beitrag von Ralf Hoffrogge in einer leicht überarbeiteten Fassung zur Kenntnis geben.

133 Rubriken

Der Artenschwund hat in den letzten Jahren rapide zugenommen. Man schätzt, dass in vorgeschichtlicher Zeit alle paar tausend Jahre irgend etwas verschwand. Das hat sich in neuerer Zeit massiv geändert und lässt sich in einer Kurve von beängstigender Exponentialität darstellen:
Das Doktorentitel-Sterben oder die furchteinflößend kleine Abundanz bei deutschen Päpsten sind hinläglich dokumentiert.
Aber auch weniger bekannte Spezies sind vom Artenschwund bedroht, so der Blauwal, die Buchstabensuppe oder der Schilf-Schwindling.
Die Berichterstattung hierüber im ebenfalls bereits stark ausgedünnten Medien-Dschungel hält sich in Grenzen. Selbst bei uns, Ihrer Redaktion 17grad, sind wir auf eine vom Verschwinden bedrohte Art gestoßen:
Beim letzten Redaktionstreffen fragten wir uns mit einem Mal und aus heiterem Himmel: „Was ist eigentlich aus der Rubrik ,Lawman‘ geworden?“ Allgemeines Schulterzucken. Und was ist mit den „Footnotes“? Betretenes Schweigen. „Starke Frauen“? Lange Gesichter. Und so ging das endlos weiter.
Wir zogen flugs einen namhaften Rubriken-Experten zu Rate, und dieser kam zu einem überraschenden Ergebnis: die Rubriken sind uns abhanden gekommen. Wir haben die Rubriken aufs Sträflichste vernachläßigt, mit dem Ergebnis, dass unsere Rubriken nun akut vom Verschwinden bedroht sind. Und das darf natürlich nicht sein. Hören Sie also heute eine ganz besondere Sendung, eine Sendung zur Rettung der Rubriken.

132 Transhumanismus

CyborgWillkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, zu einer neuen Folge 17grad – Radio zur Weiterentwicklung anthropologischer Diskurse.

Vor rund drei Jahren wurde auf dem einstigen Schmuddelsender RTL II die amerikanische TV-Serie „Bionic Woman“ erstmals in Deutschland ausgestrahlt, die wiederum drei Jahre vorher in den USA auf NBC ihre Serienpremiere gefeiert hatte. Die nach acht Teilen bereits wieder eingestellte Reihe war das Remake der Mitte der Siebziger produzierten Serie „Die Sieben-Millionen-Dollar-Frau“ und handelt von einer bei einem Unfall schwer verletzten jungen Frau, die, um ihr Leben zu retten, in einem geheimen Labor mit so genannten bionischen Prothesen und Ersatzorganen ausgestattet wird. Nanotechnische Anthrocyten beschleunigen ihren Heilungsprozess, sie wird zu einer äußerst leistungsfähigen Agentin.
Der Topos des durch technische Innovationen optimierten menschlichen Körpers ist in Film und Literatur ein durchaus gängiges Szenario, ob nun im Star Trek-Universum – man denke an Jordis Visor in den Next Generation Folgen, die Borg im Voyager-Kosmos – oder beim jüngsten Jason Bourne-Nachfolger „Das Bourne-Vermächtnis“, in dem Jeremy Renner einen gentechnisch gepimpten Agenten spielt. Gar nicht zu reden von den mannigfaltigen Comicsuperhelden wie Iron Man oder den Fantastischen Vier.
Auch wenn nicht alle kreativen Ideen aus populärer Science- und Social-Fiction den Weg in die hiesige irdische Gesellschaft finden, können wir doch feststellen, dass es mittlerweile eine Fülle von technischen Innovationen gibt, die vor einigen Jahrzehnten noch völlig undenkbar erschienen.
Unter dem zusammenfassenden Begriff Transhumanismus berührt dabei die Debatte über technologisch unterstützte biologische Optimierungen des Menschen zahlreiche Diskurse der Medizin, der Philosophie, der Politik, der Kommunikationswissenschaften, der Genetik aber auch der Ethik und der Evolutionstheorie, um nur einige wenige zu nennen.

130 Wünsch Dir Was

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, oder für diese Sendung besser: liebe Zielgruppe,
Sie werden sich erinnern, in der letzten Sendung hatten wir Sie aufgefordert, eigene Themenvorschläge für die heutige Sendung einzureichen, denn die Chefredaktion hatte beschlossen, dass wir die Interaktion mit Ihnen intensivieren müssen.
Dem Aufruf sind viele von Ihnen gefolgt und haben uns auf allen Rückkanälen mit einer Fülle von Anregungen versorgt, die wir heute aufgreifen. Wir danken allen, die uns über Facebook, Twitter, per Mail und einige gar per Postkarte mit ihren Wünschen versorgt haben. Dies ist Ihre Sendung.
All jene, die heute noch nicht zum Zug gekommen sind, versprechen wir, die Aktion „Wünsch Dir ein Thema, 17grad setzt es adäquat um“ gelegentlich zu wiederholen.

129 Bierdimpfels Revolution

„Trunksucht war ein Hauptbestandteil der nationalsozialistischen Ideologie“ (Hjalmar Schacht in seiner Zeugenaussage beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß, 30.4.1946)

17grad präsentiert Ihnen in der Reihe 17grad Vorgelesen das 4. und 5. Kapitel von Josef Kurths 1945 erschienener Groteske „Bierdimpfels Revolution – Der Suff als Weltanschauung“.
Der Autor schrieb „Bierdimpfels Revolution“ nach eigenen Angaben in den Monaten März/April 1933 „als eine Rotte klobiger Burschen sich wieder einmal anschickten deutsche Geschichte zu brauen. […] Der letzte Rest von Staunen, der meinem verständnisbereiten Gemüt noch verblieben war, galt nun all‘ denen, die sich in wilder Gier um das neue Gebräu rauften und nicht nur Glückseligkeit, sondern ihren solventen Rausch davon fanden.“

Und hier noch eine wichtige Mitteilung für alle Radionovela-Addicts: Infolge ungeahnter Entwicklungen in Überall verschiebt sich die Ausstrahlung der 5. Folge der Staffel II von „Überall – Die Radionovela“ um einen Monat. Das tut uns fürchterlich leid. Aber wir können es nun mal nicht ändern.

128 Ramones

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wieder einmal begrüßen wir Sie zu einer Stunde 17grad – Radio zur Wiedererlangung der Deutungshoheit.

Aus vielen Umfragen und Erhebungen wissen wir, liebe Rezipienten, dass Sie so ungefähr in unserem Alter sind und auf ähnliche lebensweltliche Erfahrungen zurückgreifen wie die meisten unserer Redaktionsmitglieder. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie waren, als an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika der Punk erfunden wurde, in einem Alter, in dem Sie kulturelle Unangepasstheit für aufregend hielten, in dem Sie sich – fortwährend oder sporadisch – Gedanken über gesellschaftliche Unterdrückungsverhältnisse machten. Sie interessierten sich für Anarchismus, Alkoholkonsum und waren sich recht sicher, dass das alles so nicht ewig weitergehen würde. Was auch immer. Aus diesen Umfragen, aber auch durch unsere Facebook-Aktivitäten wissen wir eine Menge über Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Und deswegen, quasi aus Quotengründen, möchten wir Sie heute an die Hand nehmen und mit Ihnen dreieinhalb Dekaden zurückgehen. Ins New York der Mitsiebziger Jahre des letzten Jahrtausends.

127 Bier

Du bis die eine, welche Malz wässert hingebreitet auf dem Grunde
Die edlen Hunde halten Könige selbst fern
Du bist die eine, welche tränket das Malz
Es steigen die Wogen und fallen

Du bist die eine, welche Maische bringet auf schilferne Matten,
Kühle steigt auf und obsiegt
Du bist die eine, welche beidhändig Kessel füllt mit süßer Bierwürze
Mit Honig braust du und mit Wein

Den Filterbottich, gar erquicklich klingend
Richtest du in angemessener Weise auf
Und wenn du ausschenkst das gefilterte Bier
ist es, als ob Tigris und Euphrat anbranden

Herzlich Willkommen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, zur heutigen Sendung der Redaktion 17grad.

Soeben hörten Sie einen Auszug der sumerischen Hymne an Nikasi. In diesem mehrere tausend Jahre alten Werk wird in lyrischer Form der Vorgang des Bierbrauens beschrieben. Beim Bierbrauen werden die Zutaten Wasser, Malz und Hopfen miteinander vermischt und teilweise durch Hefe biochemisch verändert.

Der eigentliche Brauprozess beginnt mit dem Maischen. Dabei wird Wasser auf etwa 60°C erwärmt und das geschrotete Malz hinzugefügt. Die so entstandene Maische wird unter ständigem Rühren je nach Verfahren bis auf etwa 75°C erhitzt. Enzyme setzen die Stärke aus dem Malz in Malzzucker um.

Sobald die gelöste Stärke vollständig verzuckert ist, wird die Maische im Läuterbottich geläutert. Die Würze, also der flüssige, vergärbare Teil der Maische, und der Malztreber werden voneinander getrennt, anschließend die Würze in der Kochpfanne mit Hopfen gekocht.

Dem so entstandenen Sud wird die klare Anstellwürze entzogen und in einem Kühler auf die optimale Gärtemperatur abgekühlt, sodann je nach Biersorte die passende Hefekultur zugesetzt.
Obergärige Hefesorten vergären bei Temperaturen zwischen 18°C und 24°C, untergärige bei 8°C bis 14°C. Bei der alkoholischen Gärung setzt die Hefe den in der Würze gelösten Zucker zu Ethanol und Kohlendioxid um.

Nach der Hauptgärung, die etwa eine Woche dauert, muss das Jungbier noch etwa vier bis sechs Wochen nachgären und lagern, wird danach in der Regel nochmals gefiltert und schließlich in Flaschen, Fässer oder Dosen abgefüllt.

126 Murder

In Deutschland, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hat man sich mittlerweile dann doch ein wenig daran gewöhnt, dass in dem einen oder anderen Ort Juden ansässig sind. Und auch, wenn ein partiell kluger Mann einen noch klügeren einmal mit den Worten zitiert hat: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ ist doch, was das Thema angeht, eine gewisse, nennen wir es: Routine eingekehrt, im Verhältnis von Teutonia und Synagoge.

Es gibt Gedenkfeiern und Ansprachen, Städtepartnerschaften und Steh-Empfänge, Mahnmale und Kochbücher für die koschere Küche.

Ein bisschen aufgeregter wird das Ganze schon noch, wenn der jüdische Staat in den Fokus des deutschen Betrachters gerät. In der zurückhaltenderen Variante emotional-humanistischer Politgefühlsaufwallung darf Israel zwar weiter existieren, sollte sich bei der Verteidigung seiner Einwohner aber merklich zurücknehmen. Überhaupt ist das Bild des sich selbst verteidigenden Juden offensichtlich für viele schwerer zu ertragen als die Ornamente der Opfer im Zuge der Befreiungen der Konzentrationslager.

Dass das Bild des wehrlosen Juden ein zwar häufig goutiertes aber eben doch nur ein Klischee ist, belegen nicht nur die jüdischen Brigaden in der britischen Armee während der II. Weltkriegs, sondern auch die Geschichte jüdischer Gangster Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten. Rich Cohen hat in seinem Buch Murder Incorporated die Historie eben jener Szenerie jüdischer Mobster respektive Mafia eindrucksvoll und vor eigenem familiären Hintergrund beschrieben. Einer der bekanntesten und in vielen Filmen und Serien Beschriebener dürfte dabei Meyer Lansky sein. In der folgenden Stunde wollen wir Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, jene Szenerie näher bringen, die in ihrer Umgehensweise mit Faschisten durchaus auch für die heutige Zeit von einigem Interesse sein könnte.